Die Räumlichkeiten der Bibliothek
Stadtbibliothek im Wandel der Zeit
30 Jahre Information, Innovation und Begegnung am Salzstadel
Unter dem Motto „Immer eine Seite voraus“ feiert die Stadtbibliothek 2026 ihr 30jähriges Bestehen am Salzstadel.
Seit 30 Jahren ist die Stadtbibliothek in den Räumlichkeiten am Salzstadel. Das ist nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch ein Anlass für Rückblick und Ausblick.
1900 bis Zweiter Weltkrieg
Die Bibliothekslandschaft in Rosenheim Anfang des letzten Jahrhunderts besteht aus Pfarrbüchereien, kommerziellen Leihbüchereien mit Unterhaltungsliteratur, einer Arbeiterbibliothek und der 1907 durch den Katholischen Pressverein gegründeten, ersten allgemein zugänglichen Volksbücherei. Während der Zeit des Nationalsozialsozialismus kommt es zu Zensur und im Zuge einer Gleichschaltung der Bibliotheken zur Verbreitung von völkischen Ideen.
Nachkriegszeit und Reading Rooms
1945 entnazifizieren die Amerikaner die verbliebenen Bestände und eröffnen 1946 frei zugängliche „Reading Rooms“ mit deutscher und amerikanischer Literatur sowie Kinder- und Jugendliteratur. 1947 gründet Leonhard Lang den Verein „Rosenheimer Volksbücherei“ und eröffnet die Bücherei im Mittertor. Der Bestand stammt aus geretteten Büchern und später aus der Sammlung des Amerika-Hauses. Anfang der 1960er gibt es finanzielle Probleme, bis die Stadtbücherei schließlich 1967 in einen Neubau bei der St. Nikolauskirche einzieht.
Wohin mit der Bibliothek?
Die Bibliothek wächst stark, doch Mitte der 1980er Jahre sind die Räume zu eng, es fehlen Mittel für Personal und Neuerwerbungen. Eine Zeit des Notbetriebs „wie in einer Suppenküche“ folgt (Zitat Erika Schrimpf-Hill, Leiterin der Beratungsstelle für öffentliche Bibliotheken, 1993). 1995 kündigt die Kirche die Räume am Ludwigsplatz, jetzt muss es schnell gehen mit neuen Räumen. Susanne Delp, Bibliotheksleitung erzählt: „Gemeinsam mit der Stadt haben wir verschiedene Orte geprüft, darunter das Fröschl-Haus, das Ballhaus und eine Container-Lösung am Riedergarten. Ein geplanter Neubau mit 4.000qm am Salzstadel wurde leider aus Kostengründen verworfen. Schließlich entschied sich die Stadt für den Ausbau der damals leerstehenden Flächen des Flötzinger-Stammhauses. Seit 1996 haben wir nun eine mit 1.200 qm zwar deutlich kleinere, aber sehr schöne Bibliothek.“ Im Jahr 2000 belegt sie erstmals Platz 1 bei den Mittelstadtbibliotheken im bundesweiten Leistungsvergleich BIX. Stetig zunehmende Mitglieder- und Ausleihzahlen geben dem Konzept recht. Durch die Renovierung des Erdgeschosses und den Ausbau des Platzes im Jahr 2009 gewinnt sie weiter an Platz und Atmosphäre.
Projekt Stadtleben 2020 – die Bibliothek als Treffpunkt
Noch ahnt keiner, dass sich der Salzstadel zu einer grünen Wohlfühloase entwickeln wird, als sich die Bibliothek 2020 beim Projekt „hochdrei-Stadtbibliotheken verändern“ bewirbt, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes. In Kooperation mit der TH Rosenheim wird der Platz umgestaltet und mit Hochbeeten begrünt. Es entsteht ein Ort, der zum Verweilen und zur Begegnung einlädt. Mit einem vielseitigen Programm in den Sommermonaten von Yoga über Tanz, Konzerte und Kino wird der Salzstadel schnell zu einem der beliebtesten Plätze Rosenheims.
FSJ und Ausbildung – Fokus auf Nachwuchsförderung
Auch für fachlich versierten Nachwuchs sorgt die Bibliothek: die erste Auszubildende für den neuen drei-jährigen Ausbildungslehrgang „Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste“ (FaMI) startet im Jahr 2006. Fünf junge Menschen hat die Bibliothek bis heute ausgebildet, 2012 stellt sie die beste Auszubildende Bayerns.
Schon früh bietet die Stadtbibliothek die Möglichkeit für ein Freiwilliges Soziales Jahr der Kultur. Das FSJ ist eine Möglichkeit für junge Menschen, sich im Berufsleben auszuprobieren, es ist eine Zeit der Berufsorientierung und Persönlichkeitsentwicklung. Seit 2003 haben viele junge Menschen für ein Jahr das Team bereichert und mit ihren kreativen Projekten das Angebot zum Teil langfristig ergänzt. Nicht selten haben manche von ihnen dabei das Berufsfeld Bibliothek für sich entdeckt, drei von ihnen sind nach der Ausbildung wieder zurückgekehrt und gehören mittlerweile zum festen Team.
Vom Zettelkasten zur digitalen Ausleihe
Die Bibliothek begegnet der technischen Weiterentwicklung von Anfang an sehr offen und innovativ. Am Ludwigsplatz erfolgt die Ausleihe noch manuell mit Zettelkasten und Stempel. 1991 wird auf EDV umgestellt. 1997 startet die Bibliothek am Salzstadel mit zwei öffentlichen PCs ins damals noch längst nicht selbstverständliche Internet. Neue Medienformen werden zeitnah in den Bestand aufgenommen, erst CD-ROMS, ab 2000 auch DVDs. 2001 gibt es den ersten Online-Katalog. Mit der Erweiterung der Bibliothek im Erdgeschoss im Jahr 2009 werden alle Medien mit Transpondern ausgestattet. Seitdem kann selbstständig ausgeliehen werden an vier Selbstverbuchungsterminals. 2018 folgt der Rückgabeautomat für 24/7-Abgabe. Seit 2013 gibt es digital die Möglichkeit der Onleihe und zahlreiche Datenbanken zur Wissensrecherche, die fortlaufend erweitert werden. Im gleichen Jahr geht die Bibliothek der Dinge an den Start: von der Bohrmaschine über Schneeschuhe, vom Balance Board bis zum Brandmalereiset werden Dinge angeboten, die man nur selten braucht oder schon immer mal ausprobieren wollte.
Als Susanne Delp 1992 ihre Stelle als Bibliotheksleitung antrat, sagte sie zu ihren Zielen: „Die Stadtbücherei soll sich zu einem kulturellen Mittelpunkt der Stadt zu entwickeln. Durch ein benutzerorientiertes Literaturangebot, moderne Informationsvermittlung und als Kooperationspartner für kulturelle Veranstaltungen soll sie zu einer unverzichtbaren und zentralen leistungsorientierten Literatur- und multimedialen Versorgungseinrichtung der Region werden.“
Diese Vision ist längst Wirklichkeit geworden.
Literatur, Musik und Begegnungen - 30 Jahre Veranstaltungsarbeit in der Stadtbibliothek
Die Vielseitigkeit der Stadtbibliothek spiegelt sich auch in ihren Veranstaltungen. Ein kleiner Blick hinter die Kulissen.
Die Stadtbibliothek feiert 2026 ihr 30jähriges Jubiläum am Salzstadel. Das Team blickt zurück auf unzählige spannende, interessante und abwechslungsreiche Veranstaltungen: Lesungen mit vielen bekannten Autorinnen und Autoren, Konzerte von Jazz über Liedermacher bis neue Volksmusik, Gesprächsreihen wie „Unterm Dach“ und das „Death Café“; oder in der „Jungen Szene“: Science Slam, Poetry Slam,
Secret Music Walk und Spieletag. Daneben gibt es einige besondere Formate wie die „Lange Nacht der Bibliotheken“, der etwas andere Adventsmarkt und neu seit letztem Jahr das Programmkino des KulturKlubs e.V. im Kinderhaus. Nicht zu vergessen die vielen verschiedenen Aktionen auf dem Salzstadel im Rahmen des Projekts StadtLeben: von Malmobil über Yoga, Kräuterworkshops, Konzerte und Tanz ist alles dabei.
Auch die Kinder werden nicht vergessen: von Kindertheater, Bastelaktionen über Klassenführungen, Bilderbuchkino bis hin zu Literaturrecherche, Lesenächten, Gaming Nachmittagen und unzähligen Vorlesestunden ist für jedes Alter etwas dabei.
Wie hat sich dieses umfangreiche Programm entwickelt?
Die Anfänge - Literatur im Lokschuppen
Die Bibliotheksleiterin Susanne Delp erinnert sich: „Bereits ab 1983 hat unsere damalige Mitarbeiterin Frau Madlon Veronika Köpfler mit viel Engagement literarische Veranstaltungen etabliert. Damals war die Bibliothek noch in den engen Räumlichkeiten am Ludwigsplatz, deshalb fanden die ersten Veranstaltungen im Lokschuppen statt in Kooperation mit dem Bildungswerk, dem Stadtjugendring und der VHS. Natürlich war die Organisation in analogen Zeiten schwieriger als heute. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung mit Tankred Dorst: meine Kollegin wollte den Autor vom Bahnhof abholen, aber er hatte einfach einen anderen Zug genommen. Im Zeitalter von Smartphones kein Problem, analog bleibt nur der Münzfernsprecher und die Hoffnung, der Autor möge noch rechtzeitig kommen!“
Woran erinnern Sie sich gerne?
Susanne Delp erzählt: „Im Jahr 2007 war Jörg Hube zu einer Lesung eingeladen. Es stellte sich heraus, dass er sein Manuskript in München vergessen hatte - er wollte aber unbedingt aus dem Original lesen. Im nicht digitalen Zeitalter entschied er sich, den weiten Weg nach München und zurück auf sich zu nehmen, um das Manuskript noch zu holen. Währenddessen haben wir uns um die wartenden Zuschauerinnen und Zuschauer gekümmert mit Getränken und guten Gesprächen. Schließlich fand die Lesung mit einer Verspätung von 45 Minuten doch noch statt.“
Susanne Breitung, ehemalige stellvertretende Leiterin der Bibliothek, erinnert sich an die Anfänge der musikalischen Veranstaltungen am Salzstadel: „Als wir 1997 das Harald Rüschenbaum-Trio zu Gast hatten, ein Trio, das mit lebhaften Rhythmen und ganz eigenen Klangwelten die Zuhörerinnen und Zuhörer begeisterte, stand bei der Zugabe plötzlich die Polizei vor der Tür – wegen Ruhestörung! Ein Anwohner des Hauses, der Schicht arbeitete, war wohl nicht ganz so begeistert von dieser Musik.“
Die Reihe „Musik in der Bibliothek“ machte sich aber dennoch durch viele besondere Konzerthighlights mit regional und überregional bekannten Musikerinnen und Musikern einen Namen und zieht seit vielen Jahren ein musik- und jazzinteressiertes Publikum in die Bibliothek.
Was ist das Besondere an den Veranstaltungen in der Bibliothek?
Susanne Delp: „Die Umgebung schafft einen gemütlichen Rahmen mit besonderer Atmosphäre - Künstlerinnen und Künstler gehen auf Tuchfühlung mit dem Publikum, es ist möglich, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie ganz hautnah zu erleben. Es sind die Begegnungen, die Veranstaltungen so wertvoll machen. Wir haben immer wieder wechselnde Veranstaltungsformate, bei denen wir sehr unterschiedliche Menschen kennenlernen. Wir hatten Reihen wie ‚Architektur und Kunst‘, Philosophisches bei ‚Wagnis denken‘, unterschiedlichste Sachbuchthemen, Fuck-Up-Nights, in denen Menschen vom Scheitern berichten, einen Debattier-Club, ‚Bücher hören‘ mit Renate Mayer oder ganz aktuell zum Beispiel den Handarbeitstreff ‚Komme was Wolle‘. Dafür haben wir in den letzten drei Jahrzehnten insgesamt sicher kilometerweise unsere Regale zur Seite geschoben! Wenn die Besucherinnen und Besucher dann inspiriert, begeistert oder berührt nach Hause gehen, hat sich unsere Arbeit gelohnt!“
Welchen Kriterien folgt die Programmauswahl?
Susanne Delp: „Bei den Oberbayerischen Literat(o)uren beispielsweise liegt der Fokus natürlich auf Bayern und der Region. Wir informieren uns über Neuerscheinungen in Verlagsprogrammen, im Feuilleton, über Kultursender und sind selbst viel auf kulturellen Veranstaltungen unterwegs. Da sammeln wir vielseitige Informationen und finden immer interessante Menschen, die wir dann einladen.“ Und Petra Lausecker ergänzt: „Für die von mir im Jahr 2008 ins Leben gerufene „Junge Szene“ wähle ich gerne neue Bands aus, die noch nicht so bekannt sind oder neue und besondere Stilrichtungen präsentieren. Hier geht ein Dank an die Anne-Oswald-Stiftung und die Kultur- und Sozialstiftung des Oberbürgermeisters Dr. Stöcker, die uns beide schon langjährig finanziell unterstützen.“
Susanne Delp: „Und natürlich müssen wir uns die Veranstaltung auch leisten können. Wir haben mal einen bekannten Schauspieler angefragt, der wollte mit Limousinen-Service in ein Fünf-Sterne-Hotel gebracht werden, inkl. Nächtigung versteht sich.“ Sie lacht: „Da mussten wir dann doch passen! Auch von meiner Seite geht an dieser Stelle ein besonderes Dankeschön an unsere Sponsoren: allen voran dem Förderverein der Stadtbibliothek, der GRWS Rosenheim und den Stadtwerken Rosenheim, ohne die wir diese Veranstaltungsvielfalt nicht anbieten könnten!“
Und die Kinder?
Gaby Schmidt, ehemalige Leiterin des Kinderhauses sagt: „Die Bibliothek ist der wichtigste Kooperationspartner der Schulen im Hinblick auf Leseförderung und Informationskompetenz. Neben den Klassenführungen, Bilderbuchkinos und Rechercheseminaren bieten wir aber auch Puppentheater und Bastelaktionen an – das Schönste ist immer die Begeisterung in den Augen der Kinder! Und wir haben unterschiedliche Vorleseformate mit sehr engagierten ehrenamtlichen Vorleserinnen und Vorlesern. Denn Vorlesen ist einer der wichtigsten Bausteine für Spracherwerb, Fantasie und Lesenlernen. Ganz nebenbei können die Kinder dabei endlich mal zur Ruhe kommen in einer Welt mit tausend Reizen.“
Was sind Ihre ganz persönlichen Highlights?
Susanne Delp: „Ich mag alle unsere Veranstaltungen und die persönliche Begegnung mit den Künstlerinnen und Künstlern. Wir empfangen sie ja schon vorher in unseren Räumlichkeiten, kümmern uns ein bisschen um ihr leibliches Wohl und kommen mit ihnen ins Gespräch – und es ist genau dieser Rahmen, der sehr geschätzt wird, von uns wie auch von unseren Gästen, die uns das regelmäßig zurückmelden. Besonders berührend fand ich im letzten Jahr den Abend mit Max Kronawitter und seiner Frau über das Leben mit seiner Krebserkrankung.“
Petra Lausecker: „Neben der persönlichen Begegnung finde ich es immer wieder spannend, neue Veranstaltungen auszuprobieren wie z.B. im Jahr 2012 den Poetry Slam, den Science Slam 2015 oder die Lese-Peep-Show. Und dann bin ich natürlich ein großer Fan des Secret Music Walk. Bei diesem kreativen Format können alle Teilnehmenden neue, besondere Orte in Rosenheim kennenlernen in Kombination mit regionalen, oft noch nicht ganz so bekannten, sehr guten Musikbands.“